Überall im Land sind Lebensmittel für Not- und Katastrophenfälle deponiert.
Zwei unscheinbare Hallen irgendwo in Thüringen. Die Adresse ist geheim, nur ein paar Eingeweihte wissen, was es mit ihnen auf sich hat. Die Geheimniskrämerei hat einen Grund: „Der Standort darf nicht bekannt gegeben werden, um Plünderungen zu vermeiden“, sagt Klaus Müller. In Thüringen gibt es, wie in anderen Bundesländern auch, Lager, in denen Lebensmittel für den Not- oder Katastrophenfall deponiert sind. Klaus Müller ist Oberprüfer der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), in ganz Deutschland unterwegs, um die Lager zu inspizieren.
Der Bund ist verpflichtet, eine Notreserve zu lagern, damit bei Naturkatastrophen, technischen Störungen wie Stromausfällen oder nach einem Terrorangriff die öffentliche Versorgung aufrechterhalten werden kann. „Die Notreserve ist wie eine Haftpflichtversicherung. Man freut sich, wenn man sie nicht braucht, aber im Notfall ist man froh, sie zu haben.“ Dann zum Beispiel, wenn ein Stromausfall das Ruhrgebiet lahmlegen oder ein Flugzeug, ähnlich wie am 11. September 2001 in den USA, in die Frankfurter City krachen würde. Seit die staatlichen Notvorräte Ende der 1950er Jahre angelegt wurden, habe man in Deutschland aber noch nicht auf sie zurückgreifen müssen.
Halle eins, 60 mal 24 Meter, ist bis auf eine Höhe von 2,90 Meter mit losem Weizen gefüllt, 3000 Tonnen etwa. In der zweiten Halle lagert noch einmal dieselbe Menge. 6000 Tonnen Weizen allein an diesem Standort – damit ließen sich im Bedarfsfall Millionen Brötchen und ein paar weniger Brote backen. Klar, sagt Müller, das Getreide müsse erst noch verarbeitet werden, aber Mehl zu lagern, habe einen entscheidenden Nachteil: die kürzere Haltbarkeit und damit verbunden, höhere Kosten. Das Getreide in den Hallen wurde 2003 geliefert und bleibt dort für zehn Jahre, oder bis auf Abruf. Weil die Ware zehn Jahre gelagert wird, muss sie besonderen Qualitätsanforderungen, strengeren sogar als im Handelsbereich, genügen: weniger Bruchkorn, geringerer Feuchtigkeitsgehalt. Sind zehn Jahre um, wird die Ware verkauft, auch an die Nahrungsmittelindustrie.
In Deutschland werden nicht nur Weizen und Hafer – im Beamtendeutsch Bundesreserve Getreide genannt – , sondern auch Trockenerbsen, Linsen, Reis, Kondensmilch und Milchpulver – zusammengefasst unter dem Begriff zivile Notfallreserve – aufbewahrt. Die staatlichen Notvorräte lagern an mehr als 100 Standorten im Bundesgebiet. Wie viele es in Thüringen sind, darüber schweigen die Behörden „aus Gründen der passiven Sicherheit“, wie das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mitteilt. Preisgegeben wird nur, dass Reis und Hülsenfrüchte als „verbrauchsfertige Nahrungsmittel“ in der Nähe von Ballungsgebieten deponiert werden und bei der Standortwahl für Getreidelager zudem noch die Nähe zu einem Mühlenstandort eine Rolle spiele.
Aufgabe der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung mit Sitz in Bonn und Außenstellen in Weimar, Hamburg und München ist es, geeignete Lagerstätten zu finden, die Lebensmittel zu lagern und deren Qualität zu kontrollieren, denn sie muss während der zehnjährigen Lagerdauer konstant gut sein.
Lagerverantwortlicher Andreas Pegel öffnet das Hallentor. Eine Treppe führt nach oben. Das Korn reicht fast bis unters Dach. Obenauf liegen Bretter und bilden ein Wegesystem, damit man nicht im Getreide, das zur Vermeidung von Kondenseffekten regelmäßig geharkt werden muss und deswegen mit einem Muster überzogen ist, versinkt. In immer gleichen Abständen sind dünne, graue Plastikrohre in das Korn gelassen. 84 sind es in der einen Halle, 90 in der anderen.
In jedem Rohr stecken drei Thermometer, die die Temperatur des Korns in Bodennähe, in der Mitte und in der Nähe der Oberfläche messen. Zwischen den Rohren wurden kleine Getreidehaufen aufgeschüttet, in deren Mitte ein Becher versenkt wurde. „Käferfallen“, erklärt Pegel. Und woher weiß der Käfer, dass er in den Becher fallen muss? „Käfer sind bestrebt, den höchsten Punkt zu erreichen.“ Zudem, ergänzt Klaus Müller, sei die Ware unten am kältesten, der Käfer bevorzuge deswegen die molligere Oberflächennähe. Die Chance für Schädlinge, es sich lange in den Hallen gut gehen zu lassen, ist gering. Pegel betreibt seinen Job mit Hingabe. Einmal pro Woche kontrolliert und protokolliert er pflichtgemäß die Temperaturen, notiert die Gradzahlen aller Messpunkte und Thermometer. Unregelmäßigkeiten können Aufschluss über Schädlinge geben. Er prüft, ob das Getreide durchlässig ist. Betritt man die Oberfläche und versinkt nicht, ist das kein gutes Zeichen. Klaus Müller nimmt den Stiel einer Harke und rammt ihn in das Korn, er versinkt problemlos einen halben Meter. „Locker und fluffig“, kommentiert Pegel. Die Mimik des Oberprüfers deutet auf Zufriedenheit. Müller befühlt das Getreide, drückt es in der Hand, nimmt es mit beiden Händen auf und schnuppert. „So riecht guter Weizen.“ Er wirft eine Handvoll Korn auf ein Sieb, schüttelt ein paar Mal: keine Rückstände, kein Dreck, kein Insekt. In der Halle stehen ein paar Mausefallen, „aber Mäuse würden Sie auch sensorisch wahrnehmen“, sagt Müller. Man würde es riechen. Unten begutachtet er den Boden vor der Außenwand, alles ist picobello sauber. Auf einem an die Wand gehefteten Blatt sind die Werte der vergangenen Messungen eingetragen; auch hier kann Müller nichts Außergewöhnliches entdecken. „Das Lager ist sehr gut“, befindet er; Andreas Pegel freut sich über das Lob. „Ich beschäftige mich schon seit 1978 mit Lagerhaltung“ , sagt er nicht ohne Stolz.
Bei Versorgungskrisen in Friedenszeiten sind zuerst die Bundesländer in der Verantwortung. Sind deren Möglichkeiten erschöpft, bitten sie den Bund um Hilfe. So regelt es das Gesetz. Der Bund stellt dann Lebensmittel aus den Lagern zur Verfügung. Im Notfall soll es wie folgt ablaufen: Das Land oder die Länder melden, welche Mengen wo benötigt werden. Daraufhin wird den Ländern mitgeteilt, bei welchen Lagerstätten Vorräte abgeholt werden können. Unter Umständen kommen dabei Transportverbände des Technischen Hilfswerks, anderer Hilfsorganisationen oder der Bundeswehr zum Einsatz. „Die Bedingungen müssen so sein, dass das Lager schnell geräumt werden kann“, erläutert Pegel.
Den Ländern beziehungsweise den Landkreisen obliegt die Weiterverarbeitung, Zubereitung und Verteilung der Lebensmittel über Gemeinschaftsverpflegungseinrichtungen. Eine Abgabe direkt an die betroffenen Menschen sei derzeit nicht beabsichtigt. Ziel sei es, sie mit einer warmen Mahlzeit am Tag zu versorgen, heißt es aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Deswegen stünden die Lebensmittel grundsätzlich allen Menschen zur Verfügung. Ob es Personen gibt, die bevorzugt verpflegt werden, entscheidet – je nach Krisenlage – das Bundesland. Die Versorgung in Notsituationen liege eigentlich nicht allein in der Verantwortung des Staates, erklärt Müller. Nur wisse kaum einer, dass man zu Hause zehn Liter Trinkwasser und fünf Kilogramm Mehl für derartige Fälle vorhalten sollte.
Etwa alle sechs Wochen bekommt Andreas Pegel als Lagerverantwortlicher vor Ort Besuch von einem Prüfer der BLE-Außenstelle Weimar und einmal im Jahr werden Proben entnommen, bei denen nicht nur die äußere Beschaffenheit, sondern im Labor auch Werte wie der Proteingehalt bestimmt werden. Klaus Müller, ist der einzige Oberprüfer für die Bundesreserve Getreide, und als solcher in ganz Deutschland unterwegs. „5000 Kilometer pro Monat reichen nicht,“ sagt er lakonisch. Als Oberprüfer kontrolliert er nicht nur die Lager beziehungsweise die Lagerhalter, sondern auch die Arbeit der BLE-Prüfer. Es sei ein positiv-kritisches Prüfen und das Verhältnis zu seinen Kollegen basiere auf Vertrauen. Heißt, Oberprüfer Müller gibt nicht den Oberlehrer. Der Agraringenieur, sein Studium hat er in Halle absolviert, arbeitet seit 1991 bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, seit fünf Jahren als Oberprüfer.
15,45 Millionen Euro stehen für 2009 im Bundeshaushalt für die staatlichen Reserven bereit. Von dem Geld sind die Kosten für Ein- und Auslagerung, das monatliche Lagergeld und die Verwertungsverluste (Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis) zu bestreiten. Die Ware selbst wird auf Kredit gekauft. Die Millionenkosten haben die FDP schon des Öfteren veranlasst, die „nationale Erbsenreserve“ infrage zu stellen. Doch wie sagte Klaus Müller: „Es ist wie eine Haftpflichtversicherung …“